Ballistische Raketen, die atomare Sprengköpfe über viele tausend Kilometer ins Ziel bringen können, sind die Statussymbole jedes Waffenarsenals. Besaßen zu Zeiten des Kalten Krieges nur die Supermächte die nötige Technologie, so streben jetzt Staaten wie der Iran oder Nordkorea nach immer reichweitenstärkeren Raketen. Der Urahn aller ballistischen Raketen aber kam aus Deutschland.

Mit der V2 bombardierte die deutsche Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg vor allem London und Antwerpen. Gegen die Rakete, die bei einer Flugzeit von fünf Minuten eine Reichweite von 300 Kilometern hatte, besaßen die Alliierten keine Abwehrmöglichkeit. Ihr Einsatz verbreitete Angst und Schrecken, ihr 1000 Kilogramm schwerer Sprengkopf richtete schwere Zerstörungen an, 8.000 Menschen starben bei den Einschlägen, 12.000 Zwangsarbeiter ließen ihr Leben für den Bau der Rakete. Kriegsentscheidend aber war die V2 nicht. Verglichen mit den Flächenbombardements der alliierten Bomberverbände blieb sie eine stumpfe Waffe.
Es war der Kalte Krieg, der schon bald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ausbrach, der die Entwicklung ballistischer Raketen in Gang brachte. Sowohl die Sowjetunion als auch die USA hatten sich deutsche Raketenwissenschaftler gesichert, die nun den Raketenbau der beiden Machtblöcke vorantrieben. Schon bald war klar, wohin die Reise ging: Ballistische Raketen mit interkontinentaler Reichweite sollten Atombomben tief ins gegnerische Territorium tragen können. Vollkommene Zerstörung ohne jede Abwehrmöglichkeit war das angestrebte Ziel.
Ballistische Raketen fliegen nach einer kurzen, nur wenige Minuten dauernden Startphase antriebslos bis zu ihrem Ziel. Sie bewegen sich dabei auf einer parabelförmigen Flugbahn, die der "Lehre vom geworfenen Körper", der Ballistik (griech.: ballein = werfen) folgt. Langstreckenraketen erreichen eine Bahnhöhe von bis zu 1200 Kilometern und verlassen damit die Erdatmosphäre. Dadurch verlängert sich ihre Flugbahn, die Bahnparabel wird flacher und gestreckter. Ihre Sprengköpfe benötigen dann Hitzeschilde, die sie beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre vor der Reibungshitze bei etwa 15-facher Schallgeschwindigkeit schützen.
Schon 1958 besaßen die USA mit der "Atlas" die erste Interkontinentalrakete (ICBM = Intercontinental Ballistic Missile). Sie konnte einen 3-Megatonnen-Atomsprengkopf in knapp 20 Minuten über 10.000 Kilometer weit an jeden Punkt der Sowjetunion transportieren. Erst zwei Jahre später konnte Moskau mit der R-7 (Nato-Bezeichnung SS-6) in etwa gleichziehen. Beide Raketen hatten jedoch ein Problem: Sie wurden mit hochexplosivem Flüssigtreibstoff betankt, was die Reaktionszeit senkte und zu zahlreichen schweren Unfällen und Explosionen führte. Außerdem waren sie sehr ungenau, ihre Zielgenauigkeit lag nur bei mehreren Kilometern.

Von der rasenden Entwicklung der ICBMs, die ohne Rücksicht auf Kosten vorangetrieben wurde, profitierte auch die zivile Raumfahrt. Der erste künstliche Satellit, der sowjetische Sputnik, reiste auf einer R-7-ICBM ins All. Die Rakete war schon fertig, der passende Atomsprengkopf noch nicht, da bot es sich an, die Rakete für einen Propaganda-Coup zu nutzen. Auch die ersten Menschen im All, der Russe Jurij Gagarin und der Amerikaner John Glenn verdankten ihre Reise einer ICBM: Gagarin startete mit einer umgebauten R-7, Glenn benutzte eine Atlas. Die US-Weltraum-Programme "Vanguard" und "Mercury" basierten vollständig auf angepassten Atlas-ICBMs.
Ballistische Raketen werden hauptsächlich nach ihrer Reichweite unterschieden. "Short Range Ballistic Missile" (SRBM); Reichweite: 1000 Kilometer; Beispiele: V2, Scud, Shahab-1 und Shahab-2 (Iran) "Medium Range Ballistic Missile" (MRBM); Reichweite: 1000 - 2500 Kilometer; Beispiele: SS-4 (1962 in Kuba stationiert), Pershing II "Intermediate Range Ballistic Missile" (IRBM); Reichweite: 2500 - 5500 Kilometer; Beispiele: Jericho II (Israel), Taepodong-2 (Nordkorea) "Intercontinental Ballistic Missile" (ICBM); Reichweite: bis zu 12.000 Kilometer; nur im Arsenal der USA und Russlands "Submarine-launched Ballistic Missiles" (SLBMs); Reichweite: 1000 - 12.000 Kilometer; Beispiele: Polaris, Poseidon, Trident (USA)
Als Atlas-V dient die seitdem stetig weiterentwickelte Rakete noch heute als Transportsystem für Satellitenstarts und andere Weltraummissionen. Zuletzt startete eine Atlas-V am 10. Dezember 2007 mit einem Aufklärungssatelliten an Bord. Auch die sowjetische R-7-ICBM wurde stetig weiterentwickelt. Aus ihr gingen die Raketen für das Vostok-Programm und die bis heute verwendete Sojus-Rakete hervor. Auch der US-amerikanische Nachfolger der Atlas-ICBM, die Titan, wurde sowohl als ballistische Rakete als auch als Weltraumrakete eingesetzt. Das gesamte Gemini-Programm der USA verwendete Titan II-Raketen. Noch 2005 wuchtete das US-Militär mit der enorm schubstarken Rakete einen Spionagesatelliten ins All.

Sowohl die Atlas als auch die Titan oder die sowjetische R-7 und ihre Nachfolger hatten als ICBMs einen gravierenden Nachteil: Sie konnten nicht startklar in ihren Silos gelagert werden. Im Kriegsfall mussten alle drei Raketentypen zuerst mit Flüssigtreibstoff - zumeist Kerosin und flüssiger Sauerstoff - betankt werden. Dies dauerte bis zu einer Stunde und führte außerdem zu zahlreichen Unfällen, bei denen ganze Silos explodierten und Atomsprengköpfe durch die Gegend flogen. Den USA gelang es jedoch 1962 mit der "Minuteman-I" eine entscheidende Hürde zu überwinden: den Bau einer ballistischen Mehrstufenrakete mit Feststofftriebwerken. Die Sowjetunion zog erst 1968 mit der SS-13 gleich.
Die Treffgenauigkeit einer ballistischen Rakete wird als "Circular Error Probable" (CEP) angegeben. Dies beschreibt den Radius eines Kreises in Metern, in dem statistisch 50 Prozent der Flugkörper einschlagen. Die genauesten Interkontinentalraketen erreichen einen CEP von 100 Metern, die ungenauesten, die jemals in Dienst gestellt wurden, von fünf Kilometern.
Mit den schnell folgenden Raketengenerationen Minuteman-II und Minuteman-III auf US-amerikanischer Seite und der sowjetischen Modelle SS-13 bis SS-18 sanken die Vorwarnzeiten für einen Atomschlag auf beiden Seiten dramatisch. Jede der Supermächte war danach in der Lage, ihre Raketen ohne jede Verzögerung durch Auftankvorgänge zu starten. Binnen 30 Minuten - das entspricht der Flugzeit von Kansas nach Sibirien - konnten USA und Sowjetunion das Territorium des anderen mit jeweils 1000 bis 2000 ICBMs vollständig verwüsten. Das Gleichgewicht des Schreckens war etabliert. China gelang der Bau einer ICBM mit Feststofftriebwerken erst 2003. Doch bis heute wurden erst weniger als zehn Stück des Typs DF-31 stationiert.

Zu einem Problem entwickelte sich jedoch in den 1970er Jahren die stark verbesserte Zielgenauigkeit sowohl der sowjetischen als auch der US-amerikanischen ICBMs. Dies gefährdete die Zweitschlagsfähigkeit beider Seiten. Um dennoch genügend Sprengköpfe für einen Gegenschlag zurückzuhalten, entwickelten die USA und die Sowjetunion Raketen mit Mehrfachsprengköpfen, so genannte MIRVs. So war die Minuteman-III in der Lage, bis zu sieben Sprengköpfe mit jeweils 170 Kilotonnen Sprengkraft zu transportieren, die unabhängig Ziele angreifen konnten. Die sowjetischen Gegenstücke SS-17 bis SS-19 besaßen ähnliche Kapazitäten.
In den 1960er Jahren trugen ICBMs immer nur einen Sprengkopf. Erst Anfang der 1970er Jahre war die Technologie ausgereift genug, mehrere Sprengköpfe auf eine Rakete zu montieren. "Multiple Independently targetable Reentry Vehicles" (MIRVs) sind auf einer steuerbaren Plattform montiert, dem so genannten MIRV-Bus, der sich beim Flug im Weltraum mittels Steuerdüsen positioniert und jeweils einen Sprengkopf freigibt. Die Sprengköpfe fliegen nach der Trennung vom MIRV-Bus ungesteuert auf ihrer eigenen Flug- und Wiedereintrittsbahn ihr Ziel an. Im Unterschied dazu steuern so genannte MARVs (Manoeuvrable Reentry Vehicle) nach der Trennung von der Rakete tatsächlich individuell ihr Ziel an. So war zum Beispiel die in Deutschland stationierte Pershing-II mit einem MARV-Sprengkopf ausgerüstet und erzielte dadurch eine Treffgenauigkeit von 30 Metern.
Die US-amerikanische MX-Rakete, mit 11 Sprengköpfen mobil auf Eisenbahnzügen stationiert, stellte auf US-Seite das Ende dieser Entwicklung dar. Im SALT II-Vertrag und den später folgenden START I und II-Abkommen einigten sich die USA und die Sowjetunion schließlich darauf, die Zahl ihrer ICBMs drastisch zu verringern und ihre landgestützten ICBMs nicht mehr mit MIRVs auszustatten. Ausgenommen von dieser Regelung sind jedoch SLBMs. Die heute von den USA auf ihren Raketen-U-Booten verwendeten Trident-Raketen können bis zu 8 Atomsprengköpfe tragen. Derzeit halten die USA 450 ICBMs und 288 SLBMs rund um die Uhr einsatzbereit. Von Russland wird angenommen, dass es eine ähnliche Zahl von Raketen startklar in Silos und auf U-Booten bereithält.